Zu Besuch bei "Oma" und "Opa"


Ein Besuch bei „Oma und Opa“

Als wenn es (sprachlich gesehen) nicht schon schlimm genug wäre, dass man den Hunden einen Besuch bei „Oma und Opa“ ankündigt, nein… es läuft auch genau so ab.

 Schon zu Hause lösen die beiden O-Worte bei den Hunden ähnliche Begeisterung aus wie die Ankündigung einer Kilo-Ration Rinderhacks. Unter Freudengeheul stürzt man sich ins Auto.
Nach einer knappen Dreiviertelstunde Fahrt geht in der letzten Kurve plötzlich ein Gequieke los, das schon mal einen Anruf beim Tierschutz rechtfertigen würde. Sie wissen definitiv, wo wir sind. Immer wieder erstaunlich in Anbetracht der Tatsache, dass der Minispinner im Fußraum liegt und das braune Reh brav Platz im Kofferraum macht. 

 Egal, sie wissen es eben.
Das macht es beim Aussteigen nicht leichter. Spätestens nach zwei Sekunden wissen auch die Nachbarn in der Parallelstraße, dass wir da sind. In Tonlagen, die Thomas Anders neidisch machen dürften, kündigt man schon im Vorgarten an, dass man jetzt da ist! 

 Und dann geht das los, was mich immer wieder mit dem Kopf schütteln lässt.

 Die Tür geht auf. Und ich höre den ersten hocherfreuten Ruf „Meine Hunde sind da!!“.
Äh, Entschuldigung… deine Tochter ist da. Aber Schwamm drüber. Man will ja nicht kindisch wirken.
Terriator und Vischeltrinchen stürmen los. „Opa“ klammert sich am  - zum Glück massiven -  Griff der Haustür fest.
Die Hunde rasen an ihm vorbei. Im Flur nimmt man dann unterschiedliche Richtungen.
Das ewig hungrige Bernsteinauge schlittert auf dem Marmor nach rechts in die Küche. Von der Drift-Aktion kann Sebastian Vettel noch lernen. Und wie immer stehen die Pötte schon bereit. Feinstes Futter. Wer will es ihr da verdenken?
Der nicht so verfressene Topterrorist nimmt die Gerade ins Wohnzimmer. Vollbremsung, aus seiner Sicht zu langer Bremsweg auf dem Parkett, Rückwärtsgang zu den Schränken hinter der Tür: ein neues Kuscheltier. Auch wie immer! Seins!

 Obwohl schon hunderte von malen so abgelaufen, ist das immer wieder der Moment, in dem ich mich frage, wie meine Eltern reagieren, wenn ich mal an ihnen vorbeistürme und an den Schrank mit der Schokolade renne. Ich probiere es lieber nicht aus. Kürzlich stand in der Zeitung, dass man auch mit 50 noch zur Adoption freigegeben werden kann.

 Nun, ein paar Minuten weiter, hat sich die Lage beruhigt.
Auch wir wurden begrüßt, eventuell nicht ganz so überschwänglich, aber das mag ich mir auch nur einbilden.

 Es geht auf die Terrasse. Schön hier. Feinstes Wetter. Hübsch gedeckte Kaffeetafel.
Der Kuchen sieht toll aus.
Mein Blick schweift umher und ich frage mich, wer noch kommt. Es stehen zwei Stühle zu viel am Tisch.
Ich denke, an dieser Stelle muss ich nicht weiter ausführen, was los ist. Die Plätze neben „Opa“ sind reserviert. Nicht für mich, da mache ich mir nichts vor.
Ich sehe darüber hinweg.  Auch darüber, dass es reichlich Tortenrand und Kekse für die beiden gab. Nichts sagen, man gilt hier ja schnell als zickig.

 Der Nachmittag plätschert vergnüglich dahin. Dann gab es noch Geschenke. Die beste Mutter der Welt hatte Geburtstag.
Brunos Stunde war gekommen! Päckchen. Was Neues. Papier und jede Menge Verpackung! „Oma“ verrenkt sich die Gräten beim Auspacken, weil der Brüllaffe auf ihrem Schoß rumspringt und helfen will. Ich weise kurz darauf hin, dass der Hund es durchaus überleben wird, wenn sie ihn runterschmeißt, was mir aber nur einen recht scharfen Blick meines Vaters einbringt. Ich halte mich raus.

 Alles kam gut an, die Geschenke wurden ins Haus gebracht, der damit verbundene Papierberg erstmal auf den Wohnzimmertisch gelegt.
Kalte Getränke wurden gereicht, es ging lustig weiter.
Und irgendwie ruhig. Zu ruhig für meinen Geschmack.
Automatisch sucht mein in diesem Punkt geschultes Auge den Terriator.

 Oh ha. Es scheint schlimm zu sein.
Das Vischeltrinchen guckt völlig unglücklich aus der Terrassentür. Diesen Blick kenne ich. Eine Mischung aus „komm nicht rein, der Bruno macht auch gar nichts!“ und „nicht schimpfen, er meint das nicht so“. Ihr Beschützerinstinkt greift mal wieder voll durch.

 Meine Alarmglocken schrillen.
Rein ins Haus… und da ist es, was ich in den letzten Tagen schon zu Hause gesehen habe: der Meister steht auf dem Tisch. Ich bin fassungslos. DAS hatten wir geklärt. Dachte ich.

 Laute Ansage. Anpfiff vom Feinsten. Egal, wer mithören kann. Das muss sein.

 Und dann kommt das, was mich WIRKLICH fassungslos werden lässt: „Oma“ zerfließt vor Mitleid:
Der arme Hund. Und wie er jetzt guckt (ich muss an dieser Stelle betonen, dass der Saubock immer noch auf den Stühlen mit cremefarbenen Polstern saß und nicht im Keller!). Und das Papier war ja auch so eine Verlockung. Er konnte ja gar nichts dafür.
So ein armes Schätzchen aber auch.

 In mir brodelt es.
Und während Bruno ein „Trostleckerli“ gereicht bekommt, versuche ich mich zu erinnern, ob es früher für mich auch so viel Mitleid gegeben hat. Ob sie sich auch überlegt haben, welchen Stress das arme Kind haben muss, wenn es schon wieder beim heimlichen Rauchen erwischt wurde. Oder wie gemein die Lehrer sein müssen, sonst würde man ja wohl kaum ständig schwänzen. Und, und, und… die Liste könnte ich ewig fortführen.
Nur an Trostsüßigkeiten kann ich mich nicht erinnern.
Auch jetzt, zwei Tage später , nicht.
Und irgendwie beschäftigt mich das. Ich war doch auch ein nettes Kind. Ehrlich!