Würdest du es wieder tun?


Würdest du es wieder tun?

Immer mal wieder kommt sie auf, diese Frage, die mich regelmäßig dazu verleitet, viel zu viel zu reden. Bei der ich mir hinterher denke, ein einziges Wort hätte genügt.

Aber das wäre zu simpel, zu eindimensional und vielleicht auch gar nicht richtig. Und auch nicht fair den Menschen gegenüber, die sich gerade überlegen, ganz bewusst einen sogenannten Problemhund ins Haus zu holen.

„Wenn du alles über Bruno im Vorfeld gewusst hättest, hättest du ihn dann auch genommen?“

Manchmal denke ich, dass die, die diese Frage stellen, einfach nur auf ein spontanes „JA“ hoffen. Weil es sich so gehört. Weil man natürlich über seinen eigenen Hund niemals etwas anderes sagen darf. Weil es in die wildromantischen Vorstellungen fast aller Menschen passt, dass sich jeder Mensch selbstverständlich gerne geradezu aufopfert, um einer geschundenen Kreatur ein möglichst gutes Leben zu ermöglichen. Weil dieses unsägliche Märchen von der unfassbaren Dankbarkeit des besten Freundes in den Köpfen der Menschen fest verankert ist.

Vielleicht aber auch nur, weil es die einfachste Antwort gewesen wäre.

Aber einfach mache ich es mir nicht. Und wer fragt, bekommt auch eine ehrliche Antwort.

Diese Frage beinhaltet ja mehrere Ebenen.

Fangen wir bei einer an, bei der es überheblich wäre, mal eben mit einem „ja, selbstverständlich“ zu antworten. Es geht um die Kosten. Kommt man mit Menschen ins Gespräch über den kleinen Terroristen, fällt dem ein oder anderen durchaus auf, dass mehr Rechnungen anfallen, als der übliche Impftermin beim Tierarzt einmal im Jahr. Ja, der kleine Spinner ist ein echter Kostenfaktor. Ganz neutral festgestellt. Tierarzt, Klinik, Apotheke, Spezialfutter und noch vieles mehr. Und all das oft und reichlich. Es wäre an dieser Stelle an Großkotzigkeit nicht zu überbieten, jedem, der besagte Frage gestellt hat, mal eben locker flockig zu sagen, dass es kein Problem ist, einen solchen Hund bei sich einziehen zu lassen.

Ich gebe ehrlich zu, dass ich in der glücklichen Lage bin, deshalb kein Brötchen weniger essen zu müssen. Und wenn ich schreibe, dass meine besten Jeans Löcher haben, die Hunde aber über eine Kollektion Halsbänder in gerade angesagtem „metallic“ für die Stadt und mit Edelweiß für den Urlaub in den Alpen verfügen, dann tue ich das mit einem Augenzwinkern. Aber mir ist bewusst, dass das nicht überall so ist. Dass es nicht selbstverständlich ist, in einem Monat knapp zweihundert Euro in der Apotheke zu lassen, fast die gleiche Summe noch einmal, wenn der Besuch in der Klinik fällig war und dann im gleichen Zeitraum auch noch die Bestellung beim Versand für medizinisches Spezialfutter nötig war. Ich weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit ist und ich bin mir dessen bewusst, dass es schon allein in diesem Punkt ein Privileg ist, sagen zu können, ja… was das angeht, würde ich ihn jederzeit wieder nehmen.

Aber, um darauf zurück zu kommen, es wäre nicht ehrlich hier nur ein einfaches „na klar“ rauszuposaunen, ohne darauf hinzuweisen, was es tatsächlich bedeutet.

In den meisten Fällen geht es den Fragenden aber um etwas anderes. Um die Einschränkungen, die ein Leben mit einem Hund wie Bruno mit sich bringt.

Einschränkungen in Sachen eigene Zeit. Aber auch Einschränkungen in Sachen gesellschaftsfähig sein. Wahrscheinlich kommt gerade deshalb diese Frage so oft von Menschen, die wir auf dem Campingplatz kennenlernen und denen das Kerlchen klar gemacht hat, wo seine Parzelle beginnt oder von Bekannten, Kollegen und anderen Menschen, die mal bei uns zu Hause waren und das Theater mitbekommen haben, das leider ausbricht, sobald Fremde in Brunos autistische Welt einbrechen.

Hier wird die Beantwortung schon diffiziler.

Und an dieser Stelle hole ich immer gerne mal ein bisschen aus.

Vor allem, wenn mein Gegenüber jemand ist, bei dem mich der Verdacht beschleicht, dass er einerseits die Rasse Parson Russell Terrier mit all seinen Eigenschaften und andererseits die speziellen Probleme, die ein Terrier mit ausgesprochen unschöner Vorgeschichte mit sich bringt, durcheinander wirft.

Ich starte, hin und wieder geradezu klugscheißerisch, immer erst den Versuch, meinem Gesprächspartner zunächst die Rasse an sich ein wenig näher zu bringen. Und zwar frei von den Vorurteilen, die in den Köpfen der meisten über Terrier herrschen.

Der Parson ist ein toller Hund für Leute, die aktiv sind. Die mit ihm arbeiten wollen. Die verstanden haben, dass es sich um einen Jagdhund handelt. Aber auch für Familien, denen der sonst so beliebte Golden Retriever zu groß oder nicht spaßig genug ist. Das Russell-Tier hat Ausdauer und es ist ein Balljunkie. Mir ist kein Parson bekannt, der zu einem Ründchen Ballspielen nein sagen würde. Auch nicht wenn es sich um die zwanzigste Runde handelt.

Grundsätzlich würde ich jedem Zweibeiner, der Tine-Wittler-ähnlich mehr an Dekorativem interessiert ist und im sportlichen Bereich sich eher theoretisch als praktisch auskennt von einem Terrier als Hausgenossen abraten.

Auch sollte niemand die Intelligenz eines Terriers unterschätzen. Er trickst dich aus, wo er nur kann. Mit wachsender Begeisterung und unfassbar schlau. Ergo gilt: der Zweibeiner sollte auch in diesem Punkt mithalten können und über etwas mehr Intelligenz verfügen als die vielen Kekse, die viele Terrierbesitzer wahllos in ihren Hund stopfen.

Sonst wird der Hund unleidlich. Verständlicherweise. Ich werde auch grantig, wenn ich mich zu Tode langweile.

Irgendwann im Laufe solcher Gespräche finde ich dann den Dreh auf meinen kleinen Terriator. Der all das oben gesagte natürlich auch mitbringt. Der aber eben auch noch mehr im Gepäck hatte, als er bei uns eingezogen ist. Ein tief verwurzeltes Misstrauen. Eine nie vergessene Angst vor Schmerzen. Den unbändigen Drang niemals die Kontrolle abzugeben, um nicht selbst kontrolliert zu werden. Jede Menge gesundheitliche Probleme, die ihn zu den unmöglichsten Reaktionen veranlassen. Und die stets nicht ganz legale Art der Waffen, um seine Belange durchzusetzen.

Meistens sind es übrigens Männer, die die Frage nach dem „würdest du“ stellen. Frauen sind da immer vorsichtiger, vermeintlich sensibler. Ich persönlich finde diese Frage übrigens durchaus legitim.

Diese Tatsache macht mir häufig meine Erklärung leichter. Wenn ich also Bruno erklären soll, weiche ich aus auf den Vergleich zum Fußballfan.

Wäre Bruno ein regelmäßiger Stadiongänger, dann wäre er ein glatzköpfiger krawalliger Hooligan, der sich mit einem Schalke-Schal vor die Borussenfront stellt und brüllt „ey, kommt her, ihr kriegt alle auf eure behaarten Ärsche“. Er würde der gesamten Südtribüne des Signal Iduna Parks den Krieg erklären. Aus welcher Motivation heraus auch immer. Wahrscheinlich aus der eigentlich immer unbegründeten Angst heraus, es erklärt ihm mal jemand den Krieg. Da handelt das kleine Großmaul lieber nach der Devise Angriff ist die beste Verteidigung.

Das sind die Situationen, in denen man die besagte Frage nicht unbedingt gestellt bekommen möchte.

Entweder stehst du neben deinem Hund, kraulst hektisch seine zumeist viel zu ungetrimmte Matte und säuselst ihn an, dass ihm doch nun wirklich niemand was will, dass ihm niemand etwas tut und das alles wirklich fein ist!

Die Borussenfront kommt vor Lachen nicht in den Schlaf. Niemand nimmt ihm - und damit mir - ab, dass dieses fletschende, knurrende und hysterisch kläffende kleine Ungeheuer gerade Angst hat.

Natürlich kann ich die Situation auch komplett ignorieren. Hoch erhobenen Hauptes an allen vorbeigehen, lächelnd selbstverständlich, mir selten blöde Sprüche anhören von allen Umstehenden und beten, dass nicht gerade jetzt die Leine reißt, an der Mr. Bombastic hängt wie ein wütender Stier und er jemandem in seine tätowierten Waden beißt.

Egal, wie man regiert, es nimmt dir kaum jemand ab, dass dieser kleine Aggressor nicht die Weltherrschaft an sich reißen will. Dass er auf gar keinen Fall in den Kampf gehen möchte, den er in den meisten Fällen ohnehin verlieren würde.

Denn schon zwei Meter weiter schaut er nach oben. Guckt mich an, wie ich reagiere. Ob ich ihm böse bin wegen des Affentheaters, ob es mir gut geht und vor allem, ob wir jetzt auch schnell weitergehen können.

Und dann verlasse ich im Gespräch das Fußballstadion und berichte, dass wir diese Situationen mit Bruno zuhauf haben. Auf dem Campingplatz, mit Menschen, die auf seine Parzelle kommen und ihm mit lauter Stimme versichern, dass sie und er doch eigentlich beste Freunde sind. Zu Hause, wenn der Postbote einmal zu viel und zu lange klingelt. Wenn der Gärtner bei uns ist und die ganze Zeit an seinen Scheiben vorbeiläuft und Äste von seinen Bäumen wegschleppt. Wenn sich jemand seiner Neele nähert. Und, Supergau, wenn jemand es wagt, sein Frauchen anzusprechen.

Dann wird er hysterisch. Und, ja, dann kann er auch schon mal schnappen.

Ich weiß es nie genau, bin aber immer auf der Hut. Ich wiederhole gebetsmühlenartig, dass es für alle Beteiligten gut läuft, wenn man das Kerlchen am besten gar nicht beachtet. Ihn nicht anspricht und schon gar nicht anfasst.

Er mag das nicht, seine schlechten Erfahrungen sagen ihm, dass dabei nichts Gutes herauskommt. Und dann wehrt er sich schon, bevor überhaupt etwas passiert ist.

Das ist nicht schön. Und es macht das Leben mit einem solchen Hund nicht wirklich leichter.

Hinzu kommt, dass wir von seiner Vorgeschichte zu wenig wissen, als dass wir einige Dinge einordnen könnten. Wüsste ich, dass ihn ein großer Mann mit dunklen Haaren zusammengetreten hat, dann könnten wir in einen gewissen Vermeidemodus gehen. Oder dass es blonde Frauen mit heller Stimme waren, die ihn in Plastiktüten gesteckt haben, dann könnte ich im Café besser reagieren, wenn genau so eine Dame uns das Getränk an den Tisch bringen möchte.

Nein, wir wissen es nicht. Wir können da kein Muster ausmachen.

Bleiben wir ehrlich: er ist unberechenbar.

Und dann komme ich irgendwann auf die eigentliche Antwort der gestellten Frage… wenn bis dahin mein Gegenüber noch nicht die Flucht ergriffen hat oder eingeschlafen ist.

Wäre Bruno mit all dem bei mir eingezogen, hätte ich es vorher gewusst?

Hätte ich gewusst, dass wir in keinen Biergarten, in kein Café mehr gehen können. Hätte ich gewusst, dass Besuch bekommen wohl organisiert sein will. Hätte ich gewusst, dass ich am Tag netto mindestens eine Stunde mit dem Verabreichen von Tabletten, Kügelchen, Augentropfen und der Zubereitung seiner Mahlzeiten beschäftigt sein werde. Hätte ich gewusst, dass wir kein Wochenende ohne Hunde mehr wegfahren können, weil du niemandem diesen Hund geben kannst. Und hätte ich gewusst, dass die Kosten für ihn in etwa denen eines mehrwöchigen Luxusurlaubs für den besten aller Ehemänner und mich entsprechen.

An dieser Stelle kommt meine Stunde. Hätte ich all das gewusst, hätte ich auch gewusst, wie dieser Hund auch sein kann. Hätte ich in die berühmte Glaskugel schauen können, um zu sehen, was mir das kleine Kerlchen in Zukunft bringen wird, dann hätte ich auch gesehen, dass mir in einer ganz besonderen Art und Weise jeden Tag auf´s Neue das Herz aufgehen wird.

Wenn er morgens seine verklebten Augen sauber gemacht bekommt und er irgendwann merkt, dass es ihm guttut und er sich merklich entspannt.

Wenn die Belohnung für Augentropfen erdulden 10 Minuten Spielen und Kuscheln - nur er und ich - ist und er sich in meine Arme schmeißt.

Wenn er nach all seinen Wahnsinnsattacken binnen Sekunden versucht, sein Fehlverhalten wieder gut zu machen, indem er dir klar macht, dass er jetzt und sofort auf den Arm will, um dich einmal an Hals und Gesicht abzuschlecken.

Wenn er in all seinem Elend inzwischen duldet, dass ich ihm eine Tablette morgens reinwürgen muss, weil er ahnt, dass ich ihm nun wirklich nichts Böses will und er sich dann doch bei der ersten Tasse Kaffee auf meinen Füßen vertrauensvoll zusammenrollt.

Und natürlich auch wenn er abends an meinem Bett steht, dieses komische Geräusch macht, das ich nur von ihm kenne und er darauf wartet, dass ich die Decke anhebe und er von oben nach unten robbt, um dann unter der Decke endlich zur Ruhe zu kommen.

Ja, das sind die Momente, die alles aufwiegen. Die alles andere vergessen machen und dich für alles entschädigen.

Übrigens gilt das gleiche für den unglaublichen Spaß, den wir mit unserem Kerlchen haben. Er ist, in seiner Welt, der lustigste und pfiffigste Hund, den man sich nur vorstellen kann. Er ist ein kleiner Schlawiner mit Charme und Schalk, dem sich niemand entziehen kann.

Ihm zuzuschauen bei all seinen kleinen Manövern ist spannender und lustiger als so mancher vermeintlicher Blockbuster im Fernsehen.

Es wäre nicht ehrlich, würde ich verleugnen, dass es durchaus anstrengend ist mit ihm.

Es wäre auch unehrlich, den Frust zu verleugnen, der aufkommt bei der Erkenntnis, dass es Dinge gibt, die nur marginal oder auch gar nicht wegzutrainieren sind. Dass nicht alles mit Futterdummy und Schleppleine zu retten ist, auch wenn dir einschlägige Fernsehsendungen und selbsternannte Hundeversteher bei Gassigängen das immer gerne suggerieren.

Aber, und das ist das Wichtigste, das was unsere Umwelt von ihm sieht, ist nicht alles.

Bruno ist nicht an allen sieben Wochentagen vierundzwanzig Stunden völlig aus dem Ruder. Ganz im Gegenteil. Das sind nur die kurzen Momente, die ihn völlig aus dem Gleichgewicht bringen und ihn so hysterisch werden lassen. Und natürlich immer die Momente, an denen andere beteiligt sind.

Zuhause steckt eine Familie dahinter, die ihn abgöttisch liebt und die alles dafür tun würde, dass es ihm gut geht. Die - in aller Bescheidenheit - froh ist, dass er bei ihr gelandet ist und nicht woanders. Da, wo man kein Verständnis für ihn hätte, wo man nur genervt gewesen wäre und seine Misshandlungen eventuell aus diesen Gründen fortgesetzt worden wären.

Auch im Tierheim wäre er recht chancenlos. Wer nimmt denn einen kleinen kurzbeinigen Bösling, der die Zähne fletscht und recht aggressiv knurrt, sobald sich jemand ihm in bester Absicht nähert?

Mir ist bewusst, dass ich gewisse Probleme mit ihm nicht mehr lösen werde.

Er kann sich aber immer darauf verlassen, dass ich seine Probleme ernst nehme.

Einen perfekten Hund wird es nie geben, aber vielleicht ein perfektes Gespann. Und ich glaube, dass ich sagen kann, dass wir das sind.

Er macht Fehler. Ich mache Fehler.

Und ich finde dieses Kerlchen wunderbar. Mein Leben mit ihm ist wunderbar. Nicht immer einfach, aber wunderbar.

Manchmal ist er geradezu rührend. Manchmal einfach nur lustig. Aber er ist immer vor allem eins: mein Hund!

Auch nach all den Jahren, in denen er jetzt bei uns lebt, reicht ein Blick in sein Gesicht und ich weiß, dass er der beste aller kleiner Top-Terroristen ist. Er rührt mich jeden Tag aufs Neue.

Um nichts in der Welt würde ich ihn hergeben.

JA! Ich würde es wieder tun.

Wenn ich alles gewusst hätte im Vorfeld, wäre er auch bei mir eingezogen.

JA!