Tierarzt II


Tierarzt, Teil II

Es war so weit: nachdem Herr Terrier ja bereits vor einigen Tagen urlaubsbereit geimpft wurde (mir ist heute noch ganz plümerant) war heute Fräulein Vizsla dran.

Wie immer fühlte ich mich, als würde ich mein liebes Bernsteinauge zur Schlachtbank führen. So gucken tut sie jedenfalls immer....

Egal, es musste sein. Den Mini-Satan mit neuem Spielzeug abgelenkt, schnell durch die Garage raus. Schon auf dem Bürgersteig verlangsamte sich Trinchens Schritt. Wusste sie etwa, wohin es gehen sollte? Wahrscheinlich lag es eher an den tollen Gerüchen, die ein auf dem Nachbargrundstück aufgestellter Fischwagen verbreitete. Dort zog es mein verfressenes Mädchen hin.

Es half nichts. Weiter ging´s. Die paar Schritte zur Praxis waren schnell gemacht. Im Gegensatz zu Brunos lautstarker Ankündigung, dass ER jetzt da ist, musste die nette Dame an der Rezeption erst mal gucken, ob ich heute mit Hund da war oder solo, um nur schnell ein Rezept abzuholen. Das Zimtnäschen versteckte sich hinter mir.

Außer einem entzückenden Dackel war es erfreulich leer im Wartezimmer.

Wir nahmen Platz. Ratzfatz waren wir aber an dem Punkt, dass Neelchen erst mal auf die Waage musste. Wie immer kein Problem, setzt sich Madame ja brav da hin , wo es gewünscht ist. Ich wartete auf das Ergebnis. Stattdessen kam die Frage, ob die Waage eventuell direkt an der Wand steht. Äh.. nein, warum? Mir wurde erklärt, dass das das Ergebnis schnell mal zwei bis drei Kilo verfälschen würde. Nach oben.

Ich war beleidigt. Kurz davor zu gehen. Am liebsten hätte ich ihnen das Eichamt empfohlen. Die Waage stand natürlich NICHT direkt an der Wand.

So was blödes. Der Satz „aber sie hat ja Taille“ machte es dann auch nicht mehr besser.

Nun gut, man will ja nicht zickig sein. Wir warteten auf die beste aller Tierärztinnen. Ich tröstete Neelchen schon mal mit ein paar Knuddeleinheiten. Sie war aber auch mal wieder so was von lieb! Und dann kam sie. Die Kathrin. Und setzte sich zu uns auf die Bank im Wartezimmer. Wir kamen ins Plaudern. Und „wie nebenbei“ untersuchte sie schon mal vorab das Bernsteinauge.

Es lief gut. Der „Fettknubbel“ (wie ich dieses Wort hasse im Zusammenhang mit meinem schlanken Mäuschen) verändert sich nicht. Der dunkle Punkt an ihrem Auge ist auch kein Problem. Ich lernte, dass sogenannte „red nose Hunde“ dunkel pigmentieren (was heißt hier eigentlich red nose? Sieht die Kathrin nicht, dass Neele eine Zimtnase ist?).

Die ganze Zeit über war ich ein bisschen pikiert. Mein Hund ist eine Verräterin. War ich gerade noch gut genug für Trost-Kuscheleinheiten, war ich nun komplett abgeschrieben. Die Dottoressa war recht großzügig mit Leckerchen! Ich sag’s ja immer: für einen Snack würde mich diese Rotnasenziege an die Organmafia verkaufen!

Und dann ging es ins Behandlungszimmer. Wie immer bildete ich mir ein, dass die halbe Praxisbesetzung irgendwie erleichtert guckt, dass es diesmal nicht der Terriator ist!

Und hier ging es „lecker“ weiter. Vorne wurde Rind und Pansen gestopft, hinten gab´s die Spritze. Noch abgehört. Alles in Ordnung. Wir waren fertig.

Alle waren sich einig, dass meine Maus ja so süß ist. So lieb. Und erst dieser Blick... hach, das ging runter wie Öl. Meine Welt war wieder in Ordnung.

Natürlich sind die Lieblingsdottoressa und ich noch auf ein Zigarettchen hinter die Praxis gegangen. Es gibt immer so viel zu plaudern.

Und dann zeigte das Vischeltrinchen ihr wahres Gesicht. Pünktlich um viertel vor sechs ging die Jammerei los. Essenszeit. Sie wollte da nicht mehr sein! Vollgestopft bis zum Anschlag muss man immer noch auf kurz vorm Hungertod machen. Ich war fassungslos. Und leicht peinlich berührt... hatte ich noch die Sache mit der Waage im Hinterkopf. Die beste aller Tierärztinnen versprach mir noch schnell, dem besten aller Ehemänner Neeles Gewicht nicht zu verraten und dann sind wir gegangen. Ein gemütlicher Plausch war nicht mehr möglich. Madame wurde extrem jammerig.

Zuhause angekommen, lauerte schon der Spinner auf uns. Oder besser gesagt auf Neele. An den Hals gesprungen, als hätte er sie ein halbes Jahr nicht gesehen. Er vermisst sie also doch! Oder ihr duftendes Hinterteil zumindest...

Und während ich mir überlegte, dass ich mir jetzt echt mindestens drei Kugeln Eis mit doppelt Orangen-Eierlikör verdient hatte, fragte ich mich zeitgleich, ob andere auch so geschafft sind, wenn sie vom Tierarzt kommen.

Oder hat das Herrchen hier recht, wenn er mich Helikopter... nennt.
Ihr wisst schon!