Happy Einzugstag!


Happy Einzugstag,
mein wunderschönes Bernsteinauge!

Wie in jedem guten Hundehaushalt werden natürlich auch bei uns die Geburtstage unserer beiden Flohsäcke gefeiert. Ausgiebig. Mit Geschenken und Hackfleischtorte. Und der beste aller Ehemänner kann ein Lied davon singen, dass ich diese Tage nie vergesse… im Gegensatz zu so manchem Hochzeitstag.

Fast noch wichtiger sind bei uns aber die Einzugstage.
Jeder, der einen second hand Hund hat, wird das verstehen können.
Diese Tage zelebriere ich geradezu. Werde immer ganz nostalgisch.
Nicht, dass ich hier falsch verstanden werde: es ist nicht so, dass ich mich damit selbst abfeiere, als hätte ich die Probleme der dritten Welt im Alleingang gelöst.
Ganz im Gegenteil: ich sitze morgens mit dem ersten Cappuccino und Zigarettchen des Tages  in unserer „Raucherlounge“ (für andere sind es ausrangierte Sessel in der Garage) und betrachte die Beiden.
Heute im speziellen Neele, mein wunderbares Mädchen mit dem Fell einer Seidenraupe.
Auf den Tag genau vor zwei Jahren zog sie ein. Und ich erinnere mich so gut an jedes Detail.
Zuallererst an meine Sorge, wie der kleine Topterrorist auf sie reagiert. Bruno, der für gutes Benehmen Neuankömmlingen gegenüber so bekannt ist wie Boris Becker für clevere Geldanlagen. Und ich denke daran, wie lieblos sie abgegeben wurde. Ohne Leine, ohne eine vertraute Decke, ohne ein liebgewonnenes Spielzeug… schlimmer kann dir der in der Vorweihnachtszeit völlig überlastete Paketbote deine Bestellungen nicht vor die Tür werfen.
Auch an den unbändigen Hunger muss ich denken, den diese Maus mitbrachte. Für meinen Geschmack viel zu dünn bei uns eingezogen, machte sie vom ersten Tag an klar, dass sie eigentlich immer fressen konnte. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, gerne auch in größeren Mengen. Etwas zu finden, was sie nicht mochte, war so wahrscheinlich wie Discounter-H-Milch in einem Latte Macchiato auf der Flaniermeile in Hamburg Blankenese.

Was mir aber vor allem im Gedächtnis blieb, war ihr unbedingter Wille zu gefallen. In ihrem neuen Zuhause anzukommen. Es allen recht zu machen  -  selbst dem kleinen sie ewig malträtierenden Spinner. Sie wollte geliebt werden. Mit aller Macht. Von der ersten Sekunde an. Von allen!
Sie war von Anfang an „unser Trinchen“. Natürlich brachte sie auch, genau wie der Terriator seinerzeit, so ihre Baustellen mit. Aber ganz andere.
Hochsensibel. Geradezu verschüchtert. Oft überängstlich vor den Reaktionen der Menschen. Stets in allergrößter Sorge, etwas falsch zu machen und dafür bestraft zu werden.
Sie mit lauter Stimme anzusprechen verbot sich.
Wir taten alles, um ihr zu zeigen, dass ein Leben mit Menschen Nähe bedeuten kann. Stressfrei ist. Und vor allem eins bedeutet: Familienmitglied zu sein.

Nun klinge ich gerade so (ja, ich merke das!), als würde ich erwarten, dass demnächst Lourdes als Pilgerort Nummer eins von unserem tierischen Zuhause abgelöst wird.
Natürlich ist das nicht so. Mir ist das klar!
An „Einzugstagen“ denke ich auch über mein Scheitern nach mit unseren second hand Hunden. Und auch darüber, wie ich damit umgehe.
Ich schreibe hier darüber. Mir hilft das irgendwie. Oft mit einem Augenzwinkern. Gerne aber auch ganz ehrlich, was das Leben mit Gebrauchthunden betrifft. Ich bilde mir ja immer noch ein, vielleicht die zu erreichen, die grundsätzlich brüllen, dass man nur ein guter (Hunde-) Mensch ist mit einem möglichst aus Rumänien adoptierten Vierbeiner.
Um auf das Scheitern zurückzukommen: zu viel Mitleid, zu viel erlauben, zu viel durchgehen lassen. Mein Bestreben alles an diesen armen Kreaturen wiedergutzumachen, was andere versaubeutelt haben.
Das ist natürlich ähnlich lächerlich wie die Meldung vor ein paar Tagen, dass die Kreuzfahrtriesen demnächst auf Plastikstrohhalme verzichten wollen. Der Umwelt zuliebe.
Ich gucke mich um. Inzwischen bei der nächsten Zigarette.
Und ich sehe mein braunes Reh. Auf einem der Sessel in unserer „Lounge“. Weit entfernt von unterernährt. Die jetzt weiß, dass es ganz wunderbare Betten für Hunde gibt und nicht nur alte Fußmatten vor zugigen Türen. Mittlerweile durchaus mit besitzergreifenden Zügen, was Platz auf dem Sofa angeht. Die mich schon immer mindestens eine halbe Stunde vor ihrer Futterzeit an meinen Dienst in der Küche erinnert. Und die sich nichts Schöneres vorstellen kann, als wochenlang mit ihren Menschen auf engstem Raum im Wohnmobil unterwegs zu sein.

Ja, bei allen Fehlern, ich glaube, sie hat es gut hier.
Ich will einfach ganz fest daran glauben.
Einfach weil sie es verdient hat. Diese gute Seele. Die ungarische Prinzessin mit all ihrer Liebe dem kleinen Satan gegenüber. Die immer mal wieder durchblicken lässt, was ihr mal so widerfahren ist, dabei aber auch immer voller Vertrauen ist, dass ihr das hier bei uns nicht passiert. Die uns am liebsten stalkerähnlich bis aufs Klo folgen würde und die nichts schrecklicher findet als fehlende Harmonie in ihrem Umfeld.
Mein Bernsteinauge! Ich bete, dass du so glücklich bei uns bist, wie ich es dir wünsche.
Dass du diesen Einzugstag, genau wie ich, lieber feierst als deinen Geburtstag (ich verspreche dir, dass die Hackfleischtorte genau so groß sein wird!). Ich jedenfalls werde nie vergessen, wie du in unser Leben getreten bist. Und wie schön es war, deinen Wandel zu einem rundum (vor allem „rund“) glücklichen Hund zu erleben.

Happy Einzugstag, Neele,
mein wunderbares Mädchen mit dem großen Herzen