Ein ganz normaler Spaziergang



Meiner Erinnerung nach erwähnte ich es schon häufiger: Herr Terrier ist nicht gesellschaftsfähig! 

 

Normalerweise ist es so, dass der beste aller Ehemänner den Mittags-S-Gang (ihr wisst, was ich meine) erledigt. Es geht immer „ins Feld“. Anleinen unter Freudengeheul, ab ins Auto (wir nennen den Kombi ja „Viehtransporter“), aussteigen an Wald und Wiese und es geht voran! Die ungarische Prinzessin powert sich aus, über Stock und Graben (ja, ÜBER!!!), schlägt Haken wie ein Hase… Lebensfreude pur.

Captain Dreibein hingegen lässt es eher ruhig angehen…solange nichts seine leicht autistischen Kreise stört. 

 

Nun ist es aber gerade so, dass weder Göttergatte noch Viehtransporter mittags zur Verfügung stehen. Also: mein Einsatz!

Es kann ja nur gut tun, die beiden mal wieder ein bisschen an der Straße entlang in Richtung Feldwege durch die Zivilisation zuführen.

 

Kein Windchen geht, die Sonne lugt raus… ich bin frohen Mutes.

Ran an die Leinen. Mist, die schwarze hat der Terrorist letzte Woche im Auto durchgekaut (ich hab ihm schon x mal erklärt, dass Gefangenenselbstbefreiung nach deutschem Strafrecht nur für Zweibeiner straflos ausgeht), die rote suchen, in der Zeit dem Vischeltrinchen 15 mal erklären, dass es gleich nun wirklich los geht und dabei insgeheim überlegen, ob es nicht reicht, die beiden Ochsen im Garten zu beschäftigen.

 

Aber nein. Wir sind startklar. Erste Verwirrung kommt auf, als es nicht zum Auto geht. Aber sie sind brav und folgen bei Fuß.

Es läuft.

Runter vom Hof, ca. 1 Kilometer Bürgersteig / Radweg an vielbefahrener Straße bis zum Feldweg.

Ich bin nicht die einzige, die offensichtlich die Mittagspause nutzt, um die Vierbeiner zu lüften.

Ein Bild des Frieden: bei dem Wetter freundlich gestimmte Menschen mit Hunden jeglicher Couleur. Idylle pur.

 

B Ä M … Auftritt Familie Terrier-Vizsla!

Der Terriator hat seinen Erzfeind erspäht.

Aus der Siedlung gegenüber kommt der Hund, den schon mein Dobermann nicht mochte. Und was der Dobermann nicht mochte, mag der Terrier auch nicht! Kurzer Schulterblick, ob die Große im Zweifel hilfreich zur Seite steht, dann legt der größenwahnsinnige Meister sich ins Geschirr. Kurze Ansage, zum Glück unterschiedliche Richtungen, der Terriator beruhigt sich sofort.

Mir wird warm. Und das liegt nicht nur an der zu dicken Jacke.

 

Vischeltrinchen unglücklich über die vielen an uns vorbeirasenden Trecker mit den Ausmaßen eines Ungetüms. Das bereitet ihr Sorgen.

 

Eine Bekannte hupt zum freundlich gemeinten Gruß. Der Topterrorist versteht das irgendwie falsch…

 

Wir kommen an der Praxis der allerbesten Tierärztin vorbei. Während mein zurückhaltendes Zimtnäschen den Schritt beschleunigt, zieht der Wurm wie ein Stier nach links. Will er unbedingt jetzt wissen, wie es um ihn steht?

Kurzer Ruck. Wir gehen weiter. Trotzanfall des Spinners auf offener Straße. Gut, dass die Sache mit der Mittagsruhe nicht mehr so eng gesehen wird.

 

Endlich am Ziel. Das Bernsteinauge rennt. Und rennt. Und rennt. Glücklich, springt wie ein Ziegenbock, hat offensichtlich Spaß. Kurzer Test in Sachen Abrufbarkeit. Perfekt wie immer. Braves Mäuschen.

Herr Terrier hat schon keine Lust mehr. Geht (ebenfalls ohne Leine) plötzlich neben mir her, als hätte ich ihm das „bei-Fuß“ in den Gehörgang tätowiert.

 

Es geht wieder zurück. 

Rückstau an der zu überquerenden Ampelkreuzung.

Ausgerechnet jetzt meint das braune Reh, nochmal kacken (sorry!) zu müssen. Leider sieht das bei ihr aus, wie bei einem Güllestreuer auf dem Acker: Hinterhaxen vor den Vorderhufen, man dreht sich im Kreis (Radius fünf Meter) und verteilt gleichmäßig. Den Lachanfall der Dame im Auto neben uns übersehe ich hoch erhobenen Hauptes. Dass ich den Sch… nur mit ZWEI Tüten wegmachen konnte auch.

 

Fast geschafft.

Auf den Parkplätzen vor unserem Haus stehen Fremde und unterhalten sich lautstark.

Herr Terrier flippt aus. Die haben da nicht zu sein!!!

Richtige Ansage, entschuldigendes Schulterzucken, rein!

 

Neele verzieht sich gemütlich in ihre Höhle,

Herr Terrier schleicht um mich rum, wohlwissend, dass er auf der nach oben offenen Skala von „das war nicht gut!“ recht hoch gerutscht ist.

Und während mein wohlverdienter Cappuccino durch die Maschine läuft, überlege ich, ob ein Hund denn NIE vergisst, dass er die ersten sechs Monate seines Lebens nichts (und schon gar nicht Spazierengehen) gesehen hat.

 

Ich sitze noch nicht ganz am Tisch, da fliegt mir der Terrier an den Hals. Seine Art der Wiedergutmachung.

Und spätestens jetzt weiß ich, warum ich ihn so abgöttisch liebe… er kann einfach nicht aus seiner Haut, greift immer zu den falschen Mitteln… und er weiß es.

Und nichts will er mehr, als mir das zu zeigen! Mit den richtigen Mitteln!